Bedeutende Arbeitsstressmodelle

Das integrierte Belastungs- und Beanspruchungskonzept stellt einen disziplinübergreifenden Bezugsrahmen für die Erforschung der Auswirkungen von Arbeitsbelastungen auf die menschliche Gesundheit dar. Unter psychische Belastungen sind demnach „die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse zu verstehen, die von außen auf einen Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken“. Davon zu unterscheiden ist der Begriff der psychischen Beanspruchung definiert als „die unmittelbare Auswirkung der psychischen Belastung im Individuum in Abhängigkeit von seinen jeweiligen überdauernden oder augenblicklichen Voraussetzungen, einschließlich der individuellen Bewältigungsstrategien“1. Die psychische Beanspruchung ergibt sich aus bewusster und unbewusster Verarbeitung von Belastungen.

Psychische Belastungen in der Arbeitswelt führen nicht unbedingt zu psychischen oder körperlichen Erkrankungen. Belastungen sind mit jeder Art von Arbeit verbunden und nicht per se krankmachend. Sie besitzen auch positive Auswirkungen wie Aktivierung und Lernförderung. Zum Problem werden sie, wenn sie im Organismus zu Fehlbeanspruchungen führen. Stress stellt Fehlbeanspruchungen in Reaktion auf unterschiedliche äußere Einwirkungen (Stressoren) dar. Die Stressreaktion ist das Bindeglied zwischen äußeren Belastungen und körperlichen und psychischen Erkrankungen. Sie wird definiert als „unangenehm empfundener Zustand, der von der Person als bedrohlich, kritisch, wichtig und unausweichlich erlebt wird“². Anders als im alltäglichen Sprachgebrauch sind also nicht z. B. Zeitdruck und Hektik per se Stress bzw. stressend. Mit dem Begriff Stress soll „die Erfahrung eines drohenden oder realen Verlusts der Handlungskontrolle der arbeitenden Person in einer sie herausfordernden Situation“³ zum Ausdruck gebracht werden. Das Ausmaß der von den Stressoren ausgehenden Fehlbeanspruchung wird durch die subjektive Bewertung (neutral, herausfordernd, bedrohend) sowie die Verfügbarkeit von Ressourcen – z. B. Handlungsspielraum, soziale Unterstützung, Anerkennung, Erholung – moderiert.

Bedeutende Arbeitsstressmodelle:

Die nachfolgenden wissenschaftlichen Modelle haben zur Aufklärung der Zusammenhänge zwischen arbeitsbedingten psychosozialen Stressoren und körperlichen und psychischen Erkrankungen herausragende Beiträge geleistet4:

  • Das Anforderungs-Kontrollmodell nach R. Karasek und T. Theorell: Die Kombination von hohen psychischen Anforderungen mit niedrigem Handlungsspielraum bei der Arbeit lösen Stress aus. Andererseits können ausreichende Handlungs- und Entscheidungsspielräume vor negativen gesundheitlichen Folgen hoher psychischer Belastungen schützen.
  • Die Handlungs-Regulationstheorie nach W. Hacker: Im Fokus stehen die Auswirkungen der unmittelbaren Arbeitsbedingungen, insbesondere der Arbeitsaufgaben und ihrer Ausführbarkeit. Gesundheitsförderlich sind Arbeitsbedingungen, die anspruchsvolle Aufgaben mit Autonomie in der Arbeitstätigkeit vereinen. Die Theorie unterstreicht die stressauslösende Wirkung von Komplikationen des Handlungsvollzugs (Störungen, Unterbrechungen bei der Arbeit) in Kombination mit hohen Anforderungen.
  • Das Modell beruflicher Gratifikationskrisen nach J. Siegrist: „Arbeitsstress“ wird hier als Folge eines Ungleichgewichts von hoher beruflicher Verausgabung (Anforderungen, Belastungen) mit niedrigen Belohnungen (Gratifikationen in Gestalt von Geld, Sicherheit, beruflichem Aufstieg und Anerkennung) verstanden.

Die in den Modellen genannten Konstrukte von „Arbeitsstress“ wurden in zahlreichen Studien auf ihre Vorhersagekraft für das Auftreten körperlicher und psychischer Erkrankungen getestet. Ergebnisse dieser Studien zeigen, dass das Risiko der unter Stress bei der Arbeit leidenden Beschäftigten für die Entwicklung einer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder psychischen Störung, beispielsweise einer Depression oder Angststörung, in einem zehnjährigen Beobachtungszeitraum nach der überwiegenden Mehrzahl dieser Studien beim Eineinhalb bis Zweifachen des Wertes von Nichtbetroffenen liegt. Die Zusammenhänge waren für Männer – insbesondere im mittleren Erwachsenenalter – gegenüber Frauen stärker ausgeprägt5.

 

Quellen:

1 DIN EN ISO 10075-1. Ergonomic principles related tomental work load.

2 Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2015). Psychische Belastung und Beanspruchung im Berufsleben. Dortmund. S. 13.

3 Siegrist, J. & N. Dragano (2008). Psychosoziale Belastungen und Erkrankungsrisiken im Erwerbsleben. Befunde aus internationalen Studien zum Anforderungs-Kontroll-Modell und zum Modell beruflicher Gratifikationskrisen Bundesgesundheitsblatt. Jg. 51. S. 305-312, hier: S. 305. Die Stressoren versetzen den Organismus über eine Ausschüttung von Hormonen und die Aktivierung des autonomen Nervensystems in Alarmbereitschaft. Erfolgt kein Abbau über Muskelarbeit, wirkt die Stressreaktion als körperlicher und psychischer Spannungszustand fort. Chronischer Stress kann langfristig zu körperlichen und psychischen Krankheiten führen.

4 Vgl. zum Folgenden zusammenfassend mit weiteren Nachweisen: Schröer, A. & R. Sochert (2012). Gesundheitszirkel seit 25 Jahren erfolgreich. Die BKK Nr. 11. S. 464-471, hier: S. 466 f.

5 Bödeker,W. & I. Barthelmes (2011). Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren und Berufe mit hoher Krankheitslast in Deutschland. Synopse des wissenschaftlichen Kenntnisstandes und ergänzende Datenanalysen. iga. Report 22. Essen und Berlin. S. 39-41, 53.